“Killerspiele” – Was Sie wissen sollten

Geschrieben von Christian Kresse

“Killerspiele”

- Was Sie wissen sollten -

Durch den Amoklauf am 20.11.06  in Emsdetten ist es zu einem erneuten Ausbruch einer Debatte um so genannte Killerspiele gekommen. Zwar prüft die Polizei zur Zeit mit allen möglichen Mitteln wie der Täter seine Tat geplant, geprobt und am Ende ausgeführt hat, aber dennoch fordern einige Politiker auf Grund von Aussagen einiger Schüler und Lehrer schon jetzt ein Verbot von “Killerspielen”.

Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach sagte beispielsweise: “Sollte sich herausstellen, dass sich der Täter über einen längeren Zeitraum mit so genannten Killerspielen beschäftigt habe, müsse der Gesetzgeber “nun endlich handeln””. Auch die SPD hat sich für ein Verbot von “Killerspielen” ausgesprochen. Die Grünen stehen einem Verbot jedoch kritisch gegenüber. Volker Beck, Geschäftsführer der Grünen , sagte, dass es viel ratsamer sei eine Debatte um Förderung von Medienkompetenz und einer sinnvollen Computernutzung zu führen. (Weiter lesen)

Der Täter war den meisten Schülern und Lehrern bekannt. Er soll laut deren Aussagen unter anderem ein fanatischer Spieler des Spiels “Counter-Strike” gewesen sein. Außerdem habe er einem Softair-Club angehört und sich sehr für Waffen interessiert. Durch diese Aussagen begründen diverse Politiker ihre Forderung nach einem Verbot vom Computerspielen mit Gewaltinhalt.

Ein Abschiedsbrief, welchen der Täter kurz vor seinem Amoklauf geschrieben hatte, war auf seiner persönlichen Homepage zu lesen. In dem Brief schildert er sein Leben, seine Ansichten und kündigt zugleich seine Tat an. Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer sagte in einem Interview: “Er hat unter der Sinnleere seines Lebens gelitten.” Auch dies geht stellenweise aus seinem Brief hervor.

Es ist selbstverständlich, dass man sich mit der Tat, dem Täter und dessen Leben befassen muss. Dabei jedoch einen Schwerpunkt auf die Frage, ob die “Killerspiele” den Täter enorm beeinflusst haben, zu legen, scheint bei den aktuellen Informationen übertrieben – Eine Forderung des Verbots von Killerspielen geradezu übereilt.

Denn wie es scheint, hatte der Amokläufer enorme psychische Schäden, die weitaus mehr Einfluss auf sein Handeln hatten als beispielsweise Computerspiele. Ein falsches Weltbild, Depressionen und ein starkes Aggressionspotential sind nur wenige von vielen Fakten, die beachtet werden müssen. Zu behaupten, dass sich der Konsum von gewalttätigen Computerspielen in keinster Weise auf den Täter ausgewirkt hat, wäre ebenso falsch. Aber das Hauptaugenmerk darf man darauf richten.

Viel wichtiger ist es sich mit dem sozialen Umfeld des Täters zu beschäftigen. Denn was aus seinem Abschiedsbrief ganz klar hervorgeht, ist, dass er sich mit der Gesellschaft weder identifizieren noch arrangieren konnte. Hier kommen sicher einige Faktoren, wie zum Beispiel Familie, Freunde, Lehrer oder Mitschüler, zusammen. Auch die Computerspiele können ihren Beitrag dazu geleistet haben. Aber ob sie ein solches Gewicht, wie die Medien und die Politiker ihnen zusprechen, haben, ist unter den gegebenen Umständen an zu zweifeln.

Update

Die Forderungen werden nun konkreter. Sowohl Edmund Stoiber (CDU) als auch Christian Wulff (CDU) haben sich nun offiziell zu den Vorkommnissen geäußert und klargestellt, welche Konsequenzen sie aus der ganzen Sache ziehen. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf Förderung eines Verbots solcher Spiele. Edmund Stoiber äußerte sich in einer Rede wie folgt: “Es darf jetzt keine Ausreden mehr geben. Killerspiele animieren Jugendliche, andere Menschen zu töten.” Der bayerische Innenminister Günther Beckstein (CSU) forderte in einem Interview sogar, dass “Killerspiele” in die Größenordnung der Kinderpornografie einzuordnen wären.

Um der populistischen Hetzjagd der Politiker entgegen zu wirken, werden Sie in den folgenden Abschnitten darüber informiert was Sie wissen sollten, bevor Sie sich eine übereilte Meinung über Computerspiele und deren Einfluss auf Kinder und Jugendliche auf Grund falscher oder falsch dargestellter Fakten machen.

Was Sie wissen sollten:

Fakt 1
Es ist weder empirisch noch wissenschaftlich belegt, dass Computerspiele, speziell Computerspiele mit Gewaltinhalten, die Aggression von Spielern oder Zuschauern erhöhen oder gar fördern. (Quelle)

Fakt 2
Der Zusammenhang zwischen den virtuellen Spielen und der Wirklichkeit ist nicht so wie es von manchen Politikern behauptet wird. Der Behauptung der Politiker Computerspiele seien die Ursache für das Handeln der Amokläufer darf kein Glauben geschenkt werden. Gewaltforscher haben bestätigt, dass Jugendliche bereits Gewaltphantasien entwickeln, bevor sie an Computern brutale Spiele spielen. (Quelle)

Fakt 3
Die Aussagen, dass der Täter seine Schule mit Hilfe eines Computerspiels nachgebaut habe, ist falsch recherchiert worden. Zwar gibt es eine so genannte “Map”, die die ehemalige Schule des Täters darstellen könnte, aber erstellt wurde sie bereits vor circa sechs Jahren mit einem anderen Schulgebäude als Vorlage. Natürlich kann nicht ausgeschlossen werden, dass tatsächlich eine “Map” dieser Schule irgendwo im Internet vorliegt. Beweise dafür gibt es bisher jedoch keine. (Quelle)
*Anmerkung: Mitlerweile ist die besagte Map aufgetaucht. Schulkameraden des Täters hatten sie offenbar auf ihren Rechnern gespeichert. (Quelle)*

Fakt 4
Die Mehrheit der Politiker ist mit der Materie der Computerspiele kaum bis gar nicht vertraut. Die schwarz-rote Bundesregierung hat beispielsweise schon in ihrem Koalitionsvertrag einen Ansatz von Medienverbot verlauten lassen. Die Definition von den so genannten “Killerspielen” konnte bisher jedoch niemand so richtig erbringen. (Quelle)

Fakt 5
Wissenschaftler haben zwar Argumente für kurzzeitige Effekte von gewalttätigen Spielen – eine langfristige Wirkung oder eine Steigerung der Gewaltbereitschaft wurde jedoch in keinem Fall belegt. Weiterhin weisen sie daraufhin, dass diese kurzzeitigen Effekte ebenso bei Horrorfilmen auftreten. (Quelle)

Fakt 6
Es gibt Personen, die anfällig für gewalttätiges Handeln sind. Computerspiele mit gleichem Inhalt sind jedoch nicht die Ursache dafür, sondern tragen, je nach psychischer Lage der betroffenen Person, gegebenenfalls dazu bei. (Quelle)

Fakt 7
Jegliche Studie, die sich darin versucht, eine langfristige und aggressive Wirkung von Computerspielen vorzuzeigen, konnte bisher nicht empirisch belegt werden und ist somit nicht repräsentativ. (Quelle)

Fakt 8
Psychologe und Traumaforscher Christian Lüdke:
“Diese Täter suchen sich diese Spiele aus, weil sie sehr gut zu ihren inneren Fantasien und Erlebniswelten passen. Die Spiele an sich sind nicht gefährlich.” (Quelle)

Fakt 9
Die Täter der bisherigen Amokläufe haben bedingt durch Isolation und Frustration gehandelt. Einen Nachweis, dass die Täter auf Grund von Erlebnissen mit gewalttätigen Computerspielen gehandelt haben, gibt es nicht. Dies wurde unter anderem auch in den Berichten der Kommission festgehalten.

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Autor: Christian Kresse
Publikationssdatum: 22.11.2006
Publikationsort: Privat (Blog)

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