Stellen Sie sich einmal vor …

Sie sind Mutter oder Vater eines dreizehnjährigen Mädchen. Sie haben ihre Geburt miterlebt. Sie waren die ersten, die sie im Arm halten durften, ihr ihren Namen gegeben haben, ihre ersten Schritte und ihre ersten Worte miterlebt haben.  Sie haben sie in verschiedene Lebensabschnitte begleitet – Krabbelgruppe, Kindergarten , Grundschule und weiterführende Schule. Und auf einmal ist sie weg …

Ohne eine Nachricht oder einen Anruf.  Sie glauben, dass sie sich verlaufen, den Bus verpasst oder einfach die Zeit vergessen hat.  Es vergehen Minuten … Stunden … ein Tag … . Mittlerweile befürchten Sie das Schlimmste und setzen alles daran ein Zeichen von ihrer Tochter zu bekommen. Vergebens …

Es vergehen weitere Stunden … Minuten … Sekunden.  Sekunden, die ihnen vorkommen wie Stunden. Und immer noch kein Zeichen von ihrer Tochter. Irgendwer muss sie doch gesehen haben, denken Sie sich. Natürlich haben Sie bereits alle Verwandte, Bekannte und auch Fremde um Hilfe gebeten. Doch auch von ihnen hat niemand ihre Tochter gesehen. Ihr Angst um ihr Kind ist unbeschreiblich … .

Mittlerweile sind einige Wochen vergangen. Die Angst um ihr Kind ist, wie zu jedem Zeitpunkt seitdem es verschwunden ist, immernoch akut. Doch die Zeichen für ein gutes Ende stehen mehr als schlecht. Aber die Hoffnung ist da. Die Hoffnung, dass ihr Kind in der nächsten Sekunde durch die Tür kommt und sich in ihre Arme wirft. Doch die Tür bleibt geschlossen … .

Nach fünf Wochen wachen Sie, wenn Sie denn mittlerweile schlafen können, morgens auf und das Telefon klingelt. Es ist die Polizei, die Ihnen sagt, dass man ihre Tochter gefunden hat … Sie lebt! In Ihnen steigen so viele Gefühle auf, dass Sie gar nicht wissen, was Sie machen sollen. Sie können es gar nicht erwarten bis Sie ihre geliebte Tochter endlich wiedersehen, in den Armen halten und sie küssen. Voller Angst, Freude und Trauer fahren Sie zur Polizei.

Dort angekommen, versuchen sie möglichst schnell herauszufinden, wo sie ihre Tochter finden können. Ein Polizist begleitet sie zu ihr. Er versucht mit Ihnen zu reden, aber Sie hören ihm nicht zu.  Einzig und allein ihre Tochter ist nun wichtig.  Der Beamte öffnet eine Tür und Sie erblicken ihre Tochter. Blass, unterernährt und mit Angst in den Augen blickt sie Sie an. Während Sie auf sie zu rennen und sie fest in ihren Arm nehmen, fangen sie an zu weinen. Die Beamten, die sich zuvor noch um ihre Tochter gekümmert haben, bemerken sie gar nicht.  Sie sehen nur ihre Tochter … .

Nachdem Sie sich ein wenig beruhigt haben, werden Sie , obwohl Sie ihre Tochter nie wieder loslassen möchten, von einem Polizisten bei Seite genommen. Er schaut sehr ernst und seine Augen lassen Sie wissen, dass er Ihnen nichts Gutes zu berichten hat. Das ist der Moment, wo Ihnen zich tausend Fragen durch den Kopf gehen: Was ist los? Wo war sie so lange? Warum hat niemand etwas gemerkt? Hat sie denn niemand gesehen? Ist irgendwas mit ihr? Sie wollen all das den Polizisten fragen. Doch Sie bekommen kein Wort heraus …

Der Polizist bitte Sie sich zu setzen. In ihrem Kopf schwirren immernoch alle Fragen herum. Dann beginnt der Polizist zu reden.  Seine Stimme ist leise und seine Worte gewählt.  Man merkt, dass er versucht Sie zu beruhigen. Sie halten es nicht mehr aus.  Sie sagen ihm, dass er endlich sagen solle, was er zu sagen habe, denn Sie wollen wieder zurück zu ihrer Tochter.

Der Polizist atmet noch einmal tief durch und dann beginnt er. Die nächsten fünf  Minuten befinden Sie sich in einer Art Trance-Zustand. Was der Polizist Ihnen erzählt, kann unmöglich wahr sein. Sie schauen zu ihrer Tochter. Sie wirkt genauso verängstigt wie zuvor.  Ihre Haut scheint noch blasser zu sein als dem Zeitpunkt, als Sie sie umarmt haben. In ihrem Kopf schwirren nur einzelne Worte herum: Vergewaltigt … missbraucht … 31jähriger Mann … Sechs Wochen … Videoaufnahmen …

Sie können es gar nicht fassen. Das kann unmöglich real sein, denken Sie sich. Was für ein Mensch tut so etwas mit einem dreizehnjährigen Mädchen? Sie fangen wieder an zu weinen. Sie laufen zu ihrem Kind und umarmen es. Sie schwören ihr sie nie wieder los zu lassen. Der Polizist versucht Sie zu beruhigen – aber das gelingt ihm nicht. So viel Hass, Wut und Trauer ist in Ihnen, dass Sie einfach nur weinend ihr Kind umarmen …

Am nächsten Tag sprechen Sie erneut mit der Polizei, die Ihnen nun berichtet, dass man den Mann, der ihrer Tochter dies angetan hat, gefasst wurde. Er wird einen Gerichtsprozess bekommen und wurde bereits angezeigt.

Ihn erwarten von drei Monaten bis zu 15 Jahre Haft …

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Autor: Christian Kresse
Publikationssdatum:
09.11.2006
Publikationsort:
Privat

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