The Ultimate Matrix Collection: Der Rezipient zwischen Paratext und Film

Eingeführt durch Gérard Genette erhielt der Begriff Paratext 1986 Einzug in die Literaturwissenschaft. Aber auch die Medienwissenschaft beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit dem Phänomen der Paratexte. So stellen Klaus Kreimeier und Georg Stanitzek beispielsweise fest, dass „in vielen medialen Kontexten […] eine rasante Ausdifferenzierung paratextueller Strategien zu beobachten“ ist. Diese Arbeit wird diese These auf ihren Wahrheitsgehalt in Bezug auf den Film überprüfen, den Begriff der Paratextualität näher erläutern und anhand der The Ultimate Matrix Collection verdeutlichen.

Paratexte

Allgemein gesprochen bezeichnet man einen Paratext als einen (Neben-)Text, der den Haupttext ergänzt, kommentiert, steuert oder begleitet. In seinem Buch Seuils stellt Gerard Genette die These auf, dass “ein Text sich selten nackt präsentiert“ und entwickelt das Konzept der Paratexte, wonach “jedes randständige Element des gedruckten Textes, welches als solches, seiner Abgelegenheit zum Trotz, in Wirklichkeit (en réalité) in der Lage ist, jede Lektüre zu steuern”, ein Paratext ist, der dem Haupttext jedoch immer untergeordnet bleibt.


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Ausgehend von der Definition, dass „ein literarisches Werk […] ausschließlich oder hauptsächlich aus einem Text [besteht]“ , spricht Genette dem Paratext die Aufgabe zu, den eigentlichen Text „zu präsentieren: ihn präsent zu machen“ . Jene Präsentation kann je nach Art des Paratextes unterschiedlich ausfallen. So kann er eine Information enthalten, eine Interpretation oder Absicht bekanntgeben oder eine Entscheidung behandeln. Darüber hinaus kann er sich an unterschiedliche Instanzen, zum Beispiel den Leser oder die Öffentlichkeit, wenden, wobei jedes paratextuelle Element einen unterschiedlichen Zweck verfolgen kann. „Der Paratext besteht also empirisch aus einer vielgestaltigen Menge von Praktiken und Diskursen“ .

Jene Vielfältigkeit macht es jedoch oft umso schwerer, den Paratext vom Haupttext zu unterscheiden, zumal der Paratext selbst ein Text ist und, so Genette, jeder Kontext prinzipiell als Paratext wirkt. „Die Unterscheidung Text/Paratext ist also keineswegs so einfach und zweifelsfrei durchführbar, wie es zunächst den Anschein haben könnte, denn wo der Paratext anfängt und wo er aufhört, kann nicht immer eindeutig ausgemacht werden“. Um sich diesem mannigfaltigen Phänomen des Paratextes also spezifischer zu nähern, unterscheidet Genette zwischen zwei Arten von Paratexten und leitet folgende Definition her: „Paratext = Peritext + Epitext“.

Peri- und Epitexte

Unter dem Begriff Peritext versteht Genette jene paratextuelle Elemente, die sich im unmittelbaren Umfeld des Textes befinden. Darunter zählt er unter anderem den Titel, das Vorwort, Kapitelüberschiften, Gattungsangaben, Autorennamen oder das Nachwort. Als Epitext bezeichnet Genette solche „Mitteilungen, die zumindest ursprünglich außerhalb des Textes angesiedelt sind“. Darunter fallen Interviews, Debatten, Kritiken oder späte Selbstkommentare. Sie wahren eine gewisse Distanz zum Haupttext, befinden sich aber in der Umgebung des Textes. Die Art und Weise, wie der Epitext eingesetzt wird, variiert. So kann er vor, mit oder nach dem Erscheinen des Haupttextes auftreten und sowohl privat, zum Beispiel ein Briefwechsel, als auch öffentlich zweckgerichtet sein. Die Tatsache, dass er „gewissermaßen im freien, [virtuell unbegrenzten physikalischen oder sozialen Raum] zirkuliert“ , lässt ihn zu einem Ganzen ohne feste Grenzen werden, wodurch sich der Epitext „als Anhängsel vom Anhängsel […] immer mehr in der Gesamtheit des auktorialen Diskurses“ verliert.

Paratexte des Films

Nachdem nun geklärt wurde, was unter einem Paratext zu verstehen ist, soll im Folgenden untersucht werden, ob das Konzept der Paratexte, das sich ursprünglich auf das Beiwerk des Buches bezog, auch auf das Medium Film anwendbar ist. Genette selbst lässt bereits in seinen Ausführungen anklingen, dass das Konzept durchaus in anderen Medien, darunter auch der Film, zur Geltung kommen kann. Da Genette jedoch einen literaturwissenschaftlichen Ansatz wählt und seine Argumentation zudem stark vom Autoren des Werkes beeinflusst wird, entstehen im Hinblick auf den Film zwei Fragen: Zum einen ist fraglich, ob man bei einem Film generell von dem Autoren sprechen kann. Zum anderen stellt sich die Frage, ob es sich bei einem Film um einen Text handelt. „Der Film als singulärer Text, unabhängig vom Trägermedium Zelluloid, Magnetband oder Disc, folgt bestimmten (zum Beispiel narrativen) An/Ordnungen, die denen der Literatur (unabhängig vom Trägermedium!) nicht unähnlich sind.“

Wenn man das Medium Film betrachtet, lassen sich viele Ähnlichkeiten zu dem des Buches entdecken. So haben sie in der Regel beide eine narrative Struktur, können in Kapitel unterteilt werden und Elemente wie (Film)titel, Vorspann/Vorwort oder Nachwort/Abspann bilden einen gewissen Rahmen. Anders ausgedrückt: Der Paratext bezieht sich auf Einzelwerkstrukturen mit entsprechend konstruierten Grenzen, worunter auch Film und Buch fallen.

Die Frage nach der Autorenschaft ist im Bezug auf den Film komplizierter als beim Buch. Während man bei einem Buch in der Regel eine Person, den Autor, hat, die für den Text verantwortlich ist, tragen beim Film gleich mehrere Entscheidungsträger, darunter das Filmstudio, der Regisseur und der Produzent, die Verantwortung. Sogar Schauspieler können, indem sie ihre Rolle nach ihrer Interpretation spielen, auf das Endprodukt einwirken. „Rechtlich ist [zwar] von vornherein der Verleger, der im Filmgeschäft Produzent heißt, Urheber des Films“, dennoch lassen sich die vielseitigen Arbeitsschritte in der Filmindustrie nicht abstreiten. Nichtsdestotrotz wird der Rest dieser Arbeit zeigen, „dass der [Paratext]begriff auch ohne übermäßige Inanspruchnahme des Autorenbegriffs funktioniert“.


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The Ultimate Matrix Collection

The Ultimate Matrix Collection ist eine DVD-Box, die neben den Filmen MATRIX, MATRIX RELOADED und MATRIX REVOLUTIONS neun Animations-Kurzfilme, aufgeführt unter dem Titel ANIMATRIX, sowie ausführliche Dokumentationen zu jedem Film der MATRIX-Reihe beinhaltet, die „die filmischen, historischen, philosophischen und technologischen Inspirationsquellen der Matrix“ behandeln. Da der Umfang der DVD-Box enorm ist, werden im weiteren Verlauf dieser Arbeit, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, einzelne Elemente beleuchtet und auf ihre möglichen paratextuellen Funktionen untersucht.

Peritexte der DVD-Box

Titel

Für Genette ist das paratextuelle Element des Titels „meist nicht einfach ein Element, sondern eher ein komplexes Ganzes – dessen Komplexität nicht unbedingt auf seiner Länge beruht“. Auch die Titel der MATRIX-Filme weisen eine gewisse Kürze auf. So erhielt der erste Teil der Trilogie den schlichten Titel Matrix und die beiden anderen bekamen jeweils einen Zusatz in Form der Worte Reloaded und Revolutions. Nun könnte man sich fragen, warum man genau diese Titel gewählt hat. Die Antwort darauf zu finden, wäre vermutlich sehr mühsam. Stattdessen sollte man sich auf ihre paratextuellen Funktionen konzentrieren. Denn neben der Aufgabe den Text zu identifizieren, soll der Titel „seinen [des Werkes] Inhalt […] bezeichnen und […] ihn in ein günstiges Licht […] rücken“ . Alexander Böhnke hält zudem fest, dass diese Funktionen auch für den Filmtitel gelten und formuliert sie ähnlich: “1. Differenz – und damit Rechtsanspruch – zu anderen Werken signalisieren, 2. das Werk zu kommentieren, also eine Lektüreanweisung zu geben und 3. für das Produkt werben.”

Besonders im Hinblick auf die angesprochene Differenzierung sind die Titel der MATRIX-Filme sehr aussagekräftig. Natürlich haben Genette und Böhnke recht, wenn sie sagen, dass der Titel das Werk oder den Film identifizieren und unterscheiden soll. Aber wohlmöglich ist beim Beispiel der MATRIX-Filme die aus dem Umkehrschluss entstehende Funktion der Zusammengehörigkeit viel wichtiger. Indem die beiden Titel Matrix Reloaded und Matrix Revolutions auf ihren Inhalt, und somit auch auf den ersten Teil der Trilogie, verweisen, bewerben sie zum einen sich selbst, aber zum anderen auch ihren Vorgänger. Hinzu kommt, dass das Publikum die Information erhält, dass die Narration der Filme zusammenhängt, wodurch eine Lektüreanweisung betrieben wird, wie die Filme zu rezipieren sind.

Bei einem Doppeltitel, wie er beispielsweise bei MATRIX RELOADED und MATRIX REVOLUTIONS auftaucht, kann jedes Element seine eigenen Funktionen haben und unterschiedliche Ziele verfolgen. Oft dient der Zusatz- beziehungsweise Untertitel „dazu, das im Titel symbolisch oder kryptisch angedeutete Thema wörtlicher anzugeben“. Im Beispiel der MATRIX-Filme werden mit dem Titel also die narrativen Elemente der Filme angesprochen und situieren sie. MATRIX RELOADED spielt mit dem Titel auf den ersten Teil an und kennzeichnet eine Fortsetzung. Bei MATRIX REVOLUTIONS kommt sogar noch ein narrativer Aspekt, die Revolution der von den Maschinen unterdrückten Menschen, zum Vorschein. Darüber hinaus zeichnet den Titel sein ambivalenter Charakter aus. So ist er zum einen Peritext, zum anderen jedoch auch Epitext, “weil er einerseits zum Text gehört, andererseits aber auch im Jenseits des Textes kursiert. […] Der Adressat des Titels ist deshalb nicht nur der Leser, sondern auch ein potentieller, zukünftiger Leser.”

Epitexte der DVD-Box

Vorwort

Im beiliegenden Informationsheft der DVD-Box wird der Rezipient mit einer schriftlichen Einleitung, einem Vorwort, der Wachowski-Brüder, den Regisseuren und Drehbuchautoren der Filme, begrüßt. Dieses enthält Informationen über die Entstehungsgeschichte der MATRIX-Filme, die Produktionsabläufe und beantwortet die Frage, warum die Wachowski-Brüder einen solchen Film konzipiert und gedreht haben.

Das Vorwort ist ein klassisch-literarisches paratextuelles Element und wird, wie bereits erwähnt, von Genette den Peritexten zugeordnet. Die Frage, weshalb das Vorwort in diesem Falle bei den Epitexten einzuordnen ist, scheint also berechtigt. Hierzu müssen die Ausführungen von Gérard Genette, der von einem selbstständigen Epitext spricht, herangezogen werden, nach denen sich ein solcher insbesondere dadurch auszeichnet, dass „der Autor […] darin entschlossen die Initiative [ergreift] und […] die Kontrolle über seinen Kommentar [bewahrt]“. Weiterhin ist der Ort, an dem ein solcher Paratext auftritt, entscheidend. Denn er befindet sich außerhalb des eigentlichen Textes, den Filmen, und somit erfüllt er die Kriterien eines Epitextes, was wiederum folgendes Problem aufwirft: Nicht nur die Unterscheidung zwischen Text/Paratext ist zweifelsfrei durchführbar, sondern auch die zwischen Epitext/Peritext.

Genette hält fest, dass „der Epitext also zum Peritext [aufschließt]“. Insbesondere durch einen Medienwechsel, den das Vorwort durch seinen Einzug in die DVD-Box hier zweifelsfrei durchläuft, können sich die Relationen zwischen Epi- und Peritext ändern, da „einige Epitexte […] in die Edition des Texte hinein [wandern]“ .

Auch das Vorwort der MATRIX DVD-Box, der Einleitung der Wachowski Brothers, gehört zu jenen paratextuellen Elementen. Dort heißt es: “Wir haben uns selbst eine Menge „lauter, dummer und platter“ Action-Filme angesehen und wollten den Zuschauern etwas anderes bieten, etwas, das sie zum Nachdenken anregt oder, noch besser, zum Diskutieren. Wir hofften ganz ernsthaft, dass unsere Filme ein wenig sokratische Interaktion anregen oder vielleicht provozieren könnten, etwas, das über das übliche „Erinnerst du dich noch an die Stelle? Die war cool!“ hinausgeht.”

Dass die Wachowski Brüder an dieser Stelle Werbung in eigener Sache betreiben, ist nicht zu übersehen. Zudem ist nicht auszuschließen, dass diese Worte in Zusammenarbeit mit dem Studio oder einem anderen Geldgeber entstanden sind, wodurch die Intention eine andere sein kann. Genette sammelt diese Art der Paratexte unter dem Begriff des verlegerischen Epitextes zusammen. “Der Instruktionscharakter des Vorworts rührt daher, daß das Vorwort eine an den Leser gerichtete Lektüreaufforderung bzw. Lektüreanweisung darstellt, um ihm einen interpretativen Zugang zum Werk zu eröffnen. Das Minimalziel ist, daß das Vorwort überhaupt eine Lektüre bewirkt, das Maximalziel ist, daß ein guter Verlauf der Lektüre ermöglicht wird.”

Ob die Einleitung der Wachowski Brüder nun zwischen dem Minimal- oder Maximalziel oder gar auf einer anderen Ebene einzuordnen ist, bleibt jedem selbst überlassen. Fakt ist, dass das Vorwort als solches, von wem es auch ausgehen mag, die Rezeption – mit dem Ziel einer bestmöglichen Aufnahme seitens des Rezipienten – steuert. Nicht umsonst spricht Vinzenz Hediger vom „Schauplatz eines Einwirkens auf die RezipientInnen mit dem Ziel einer relevanten Lektüre im Sinne des Autors und seiner Verbündeten.“

Trailer

Ebenso enthält die DVD-Box zahlreiche Trailer zu den MATRIX-Filmen. Unter dem Titel The media of the matrix in den Archiven Zions kann der Zuschauer zwischen diversen Trailern wählen. Als Trailer (zu deutsch: Nachspann) bezeichnete man ursprünglich solche Filme, die in den Kinosälen nach dem Hauptfilm als Vorschau für das kommende Kinoprogramm verwendet wurden. Heute ist er einer der wichtigsten Werbeträger der Filmwirtschaft und präsentiert den Hauptfilm. Und auch seine Inhalte haben sich mit der Zeit verändert: “In der klassischen Ära verhalten sich die Produzenten – und auf ihre Anweisungen die Filmwerber – so, als wäre die Story etwas, was von Film zu Film neu erfunden werden muss […]. Von der neueren Filmwerbung hingegen wird die Story in einer standardisierten Form vorausgesetzt […]. Stärker vorgehoben wird dagegen vor diesem Hintergrund des Standardplots die Originalität der Umsetzung.”

Auch wenn die Narration mittlerweile eine untergeordnete Rolle einzunehmen scheint, besteht ein Trailer „hauptsächlich aus Zitaten des Films“ . Er erzählt also weiterhin die Geschichte des Films und repräsentiert ihn zugleich als Ganzes, wodurch die Rezeption des Films maßgeblich beeinflusst wird. “Hediger spricht in diesem Sinne vom „vorauseilenden Gedächtnis des Films“, weil „Trailer das Film-Erinnern modellieren und ihre Adressaten dazu bringen, psychische Reaktionen zu entwickeln, als ob sie sich an den ganzen Film erinnern würden“. „Ausschnitte exemplifizieren Qualitäten des Films“, so Hediger weiter, „oder vielmehr exemplifizieren sie Qualitäten, die dem zugeschrieben werden“. Ähnlich wie bei den peritextuellen Funktionen des Titels, der auch in Epitexten wie dem Trailer seinen Platz findet, wird hier der Inhalt des Werkes bezeichnet und eine Lektüreanweisung gegeben.

Der Theatrical Trailer von MATRIX zeigt Filmausschnitte, die dem Zuschauer mehrere Aspekte suggerieren. Zum einen zeigt er das, was den Zuschauer erwartet: „So what do you need?“ wird im Trailer gefragt. Die Antwort lautet: „Guns, lots of guns!“ Neben Neo und Trinity, zwei Hauptcharaktere des Films, erscheint ein Waffenarsenal. Es folgt eine Abfolge von diversen Kampf- und Schusswechselszenen mit vielen Special Effects. Szenen, die besonders für Actionfilme beispielhaft sind. Auch hier wird, in Form des Genres, eine Lektüreanweisung betrieben. „Unfortunately no one can be told, what the matrix is – you have to see it for yourself ” hört der Zuschauer die Stimme von Laurence Fishburne, der die Rolle von Morpheus spielt, sagen. Daraufhin sieht der Zuschauer den Titel des Films, THE MATRIX, und wird mit der Internetseite www.whatisthematrix.com konfrontiert. Natürlich soll hier zum einen die Neugierde des Zuschauers angeregt werden. Zum anderen wird an dieser Stelle auf die Internetseite verwiesen, die, wovon der Zuschauer ausgehen muss, nähere Informationen zum Film und zur Matrix, also Paratexte, enthält.

Making of

„Es steht außer Zweifel, dass die Faszination der digitalen Bildgenerierung und –bearbeitung, der Computergrafik und digital produzierten special effects seit Star Wars und Jurassic Park zum Boom des ‘Making of…’-Formats wesentlich beigetragen haben.“ Auch in der The Ultimate Matrix Collection nimmt das making of, welches wie das Vorwort der Wachowski Brüder einen Epitext darstellt, sich dem Peritext durch die Einbindung in die DVD-Box jedoch annähert, einen Großteil des Zusatzmaterials ein. Zu allen Filmen kann sich der Zuschauer Hintergrundberichte, die vom Kampftraining der Schauspieler über die Konzeptdesigns bis zum Erstellen der Kulissen reichen, anschauen. Die expliziten Funktionen dieser Elemente sind nicht eindeutig zu bestimmen, da „kaum noch […] zwischen aufklärender Information und Einführung in einen Film als Werk oder bloßer Produktwerbung“ unterschieden werden kann. Nach Gérard Genette „beschränkt sich [die paratextuelle Funktion des Vortextes] nicht auf […][den] erklärenden oder bewertenden Kommentar.“ Vielmehr „besteht [sie] hauptsächlich in einem mehr oder weniger organisierten Besuch der Fabrik, bei dem man die Wege und Mittel entdeckt, durch die der Text zu dem geworden ist, was er ist, zum Beispiel mit einer Unterscheidung zwischen dem, was zuerst da war, und dem, was später hinzukam.“

An dieser Stelle kann der Begriff des Vortextes analog zu dem des making of verwendet werden, da das making of der MATRIX-Filme, ebenso wie der Vortext, die Filme anordnet und sie mit dem, was sie sind, waren oder hätten sein können, konfrontiert. Im making of des ersten MATRIX-Films erläutert beispielsweise John Gaeta, Visual Effects Supervisor, was unter dem Begriff Bullet Time zu verstehen ist und welche Änderungen teilweise vorgenommen werden mussten, um die Idee optimal darstellen zu können und welche Handlungen und Bewegungen von den Schauspielern geleistet werden mussten, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Weiterhin wird auf Probleme, die es während der Dreharbeiten gab, eingegangen und der Zuschauer erhält Einblicke in Produktionsänderungen, die sich durch bestimmte Gegebenheiten entwickelt haben.

Die Filmindustrie kann durch die Nutzung des making of den Zuschauer über Mechanismen und Arbeitsabläufe der Filmindustrie informieren und fördert zugleich eine anhaltende Rezeption des Films. Sie „hat so die Möglichkeit, ein bestimmtes Image von sich [zu] entwerfen, kann zeigen, wie es denn in Hollywood so läuft.“ Allerdings besteht die Gefahr, dass sich der Zuschauer durch die Rezeption des making of dem Film in anderer Weise nähert, als es der Fall gewesen wäre, wenn er diese Hintergrundinformationen nicht gehabt hätte. Es würde somit eine veränderte Rezeption eintreten.

Das making of gibt der Filmindustrie also einerseits die Möglichkeit, die Rezeption des Zuschauers zu steuern und zu kontrollieren. Andererseits erlaubt „die paratextuelle Rahmung der DVD [dem Zuschauer] diverse Lesarten“, wodurch eine intensivere, ausführlichere und spezifischere Beschäftigung mit dem Film ermöglicht wird.


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Schluss

Die bisher aufgeführten textlichen und audiovisuellen Medienbestandteile bilden nur einen Bruchteil der zahlreichen paratextuellen Elemente, die The Ultimate Matrix Collection beinhaltet. Für weitere Analysen sollten insbesondere die narrativen Erweiterungen und Ergänzungen, die die Kurzfilme der ANIMATRIX zeigen, auf ihre paratextuellen Funktion geprüft werden. Darüber hinaus bedarf es einer spezifischeren Untersuchung der DVD, die Epi- und Peritexte in einem Medium vereint.

Der vorausgehenden These, die besagt, dass „in vielen medialen Kontexten […] eine rasante Ausdifferenzierung paratextueller Strategien zu beobachten“ ist, kann jedoch an dieser Stelle bereits zugestimmt werden. Filmtitel, Trailer, making of und viele weitere Medienobjekte lassen sich in unterschiedlichster Form in diversen Medien und in deren Umfeld vorfinden. Besonders das Medium Internet, das maßgeblich dazu beiträgt, dass die Welt sich zum so genannten global village entwickelt, kann in Zukunft eine wichtige Rolle in Bezug auf den Paratext einnehmen, da es die Fähigkeit besitzt Medieninstanzen zu vereinen, wodurch neue Textformen entstehen können. Und wie bereits Gérard Genette im Jahre 1986 feststellte: „Es gibt keinen Text ohne Paratext“.


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Literaturverzeichnis

  • ANIMATRIX (THE ANIMATRIX), USA 2003, Erstausstrahlung (Argentinien): 14.04.2003, Deutschsprachige Erstausstrahlung: 02.06.2003, R: Peter Chung/Andy Jones.
  • Binczek, Natalie: Epistolare Paratexte: Über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts in einer Reihe von Briefen. In: Klaus/Kleimeier/Georg Stanitzek (Hrsg.): Paratext in Literatur, Film, Fernsehen. Berlin 2004, S. 117-133.
  • Böhnke, Alexander: Paratexte des Films – Über die Grenzen des filmischen Universums. Bielefeld 2007.
  • Genette, Gérard: Paratexte – Das Buch zum Beiwerk des Buches. Frankfurt a.M. 1989
  • Hediger, Vinzenz: Trailer Online – Der Hypertext als Paratext oder: Das Internet als Vorhof des Films. In: Klaus/Kleimeier/Georg Stanitzek (Hrsg.): Paratext in Literatur, Film, Fernsehen. Berlin 2004, S. 283-299
  • Kleimeier, Klaus/Stanitzek , Georg (Hrsg.): Paratext in Literatur, Film, Fernsehen. Berlin 2004
  • MATRIX (THE MATRIX), USA/Australien 1999, Erstausstrahlung (USA): 31.03.1999, Deutschsprachige Erstausstrahlung: 17.06.1999, R: Andy Wachowski/Larry Wachowski
  • MATRIX RELOADED (THE MATRIX RELOADED), USA/Australien 2003, Erstausstrahlung (USA): 07.05.2003, Deutschsprachige Erstausstrahlung: 22.05.2003, R: Andy Wachowski/Larry Wachowski
  • MATRIX REVOLUTIONS (THE MATRIX REVOLUTIONS), USA/Australien 2003, Erstausstrahlung (USA): 27.10.2003, Deutschsprachige Erstausstrahlung: 05.11.2003, R: Andy Wachowski/Larry Wachowski
  • Paech, Joachin: Film, programmatisch. In: Klaus/Kleimeier/Georg Stanitzek (Hrsg.): Paratext in Literatur, Film, Fernsehen. Berlin 2004, S. 213-223
  • Schwering, Gregor: Achtung vor dem Paratext – Gérard Genettes Konzeption und H.C. Artmanns Dialektdichtung. In: Klaus/Kleimeier/Georg Stanitzek (Hrsg.): Paratext in Literatur, Film, Fernsehen. Berlin 2004, S. 164-169
  • Stanitzek, Georg: Texte, Paratext, in Medien – Einleitung In: Klaus/Kleimeier/Georg Stanitzek (Hrsg.): Paratext in Literatur, Film, Fernsehen. Berlin 2004, S. 3-19
  • The Ultimate Matrix Collection, R: Josh Oreck, DVD (Warner Bros. Entertainment Inc.), erschienen im Jahr 2004
  • Wirth, Uwe: Das Vorwort als performative, paratextuelle und parergonale Rahmung. In: Jürgen Fohrmann (Hrsg.): Rhetorik – Figuration und Performanz. Stuttgart-Weimar 2004. S. 603-628

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Autor: Christian Kresse
Publikationssdatum: 02.10.2010
Publikationsort: Privat/Universität
Anmerkung: Dieser Text entstand als Hausarbeit im Zuge des “Basismodul 2: Medien- und Kulturtheorie – Übung: Video und Videothek ” im Studiengang Medienkulturwissenschaften/Medienrecht 1-Fach-Verbund (BA) im 2. Fachsemester an der Universität zu Köln – Note: 1,3 – Bei Bedarf bin ich gerne bereit Interessenten die Hausarbeit im PDF-Format inklusive Fußnoten zukommen zu lassen. Anfragen bitte über die Kommentarfunktion äußern.

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